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Was zwischen Fühlen und Denken geschieht

vor 4 Stunden
6 Min. Lesezeit

Über Kunst, Wahrnehmung und den inneren Raum, in dem Erfahrung zu Bewusstsein werden kann.


Manchmal stehen wir vor einem Kunstwerk und wissen nicht, weshalb wir bleiben. Vielleicht ist es eine Farbe, die uns an etwas erinnert, ohne dass wir diese Erinnerung greifen können. Vielleicht eine Oberfläche, deren Verletzlichkeit uns berührt, oder eine Leerstelle, die unseren Blick länger festhält, als wir beabsichtigt hatten. Wir versuchen zu verstehen, was wir sehen, und bemerken dabei kaum, dass längst etwas anderes geschehen ist: Wir haben reagiert.

Noch bevor wir dem Gesehenen eine Bedeutung geben, hat sich unsere Aufmerksamkeit verändert. Vielleicht auch unsere Atmung, unsere Körperhaltung, unsere innere Stimmung. Und während wir nach Worten suchen, beginnt eine Frage Gestalt anzunehmen, die über das Kunstwerk hinausführt: Was nehmen wir eigentlich wahr, wenn wir etwas betrachten?


Wahrnehmung ist mehr als Sehen

Wir sprechen vom Betrachten eines Bildes, als wäre es eine einseitige Handlung. Wir schauen, das Werk zeigt sich, und anschliessend entscheiden wir, ob es uns gefällt. Doch Wahrnehmung funktioniert nicht wie eine Kamera, die eine unveränderte Wirklichkeit aufzeichnet.

Was wir sehen, entsteht im Zusammenspiel unserer Sinneseindrücke mit Erinnerungen, Erwartungen, körperlichen Zuständen und früheren Erfahrungen. Unser Gehirn verarbeitet nicht einfach, was vor unseren Augen liegt. Es ordnet ein, ergänzt, vergleicht und gewichtet, häufig ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Deshalb können zwei Menschen vor demselben Kunstwerk stehen und etwas vollkommen Unterschiedliches erleben. Nicht unbedingt, weil einer genauer hinsieht, sondern weil jeder seine eigene Geschichte mitbringt.

Mich beschäftigt gerade diese Begegnung zwischen dem, was tatsächlich vorhanden ist, und dem, was wir darin erkennen. Denn Wahrnehmung sagt nicht nur etwas über die Welt aus, die wir betrachten, sondern immer auch etwas über uns selbst.


Resonanz – wenn etwas in uns antwortet

In meiner künstlerischen Arbeit interessiert mich, was geschieht, wenn ein äusserer Eindruck auf eine innere Erfahrung trifft.

Resonanz ist dafür ein hilfreicher Begriff. Nicht im Sinne einer messbaren physikalischen Schwingung zwischen Mensch und Kunstwerk, sondern als Beschreibung einer Beziehung, in der etwas für uns bedeutsam wird und eine Antwort hervorruft.

Eine Farbe kann Vertrautheit auslösen, eine Form Widerstand, eine raue Oberfläche eine Erinnerung, die wir längst vergessen glaubten. Manchmal fühlen wir uns angesprochen, manchmal irritiert, gelegentlich bleibt jede erkennbare Reaktion aus.

Auch das gehört zur Begegnung.

Wenn ich mit Leinen, Pigmenten, Kalk, Wachs oder Asche arbeite, interessieren mich nicht nur ihre sichtbaren Eigenschaften. Mich beschäftigen ihre Herkunft, ihre Widerständigkeit und die Spuren, die durch Bearbeitung entstehen. Das Leinen trägt eine Geschichte, eine Naht verbindet und trennt zugleich, eine aufgebrochene Oberfläche macht sichtbar, dass Veränderung nicht ohne Eingriff geschieht.

Diese Materialien müssen nichts Bestimmtes symbolisieren. Sie besitzen eine eigene Gegenwart, die sich nicht vollständig in Sprache übersetzen lässt.

Vielleicht liegt darin eine besondere Möglichkeit der Kunst: Sie verlangt nicht, dass wir sofort verstehen, was uns begegnet.


Was liegt zwischen Gefühl und Denken?

Wir neigen dazu, Gefühl und Denken als Gegensätze zu betrachten. Hier die Emotion, spontan und manchmal unberechenbar; dort der Verstand, der ordnet, prüft und entscheidet.

Doch diese Trennung entspricht kaum unserer tatsächlichen Erfahrung.

Emotionale und kognitive Prozesse sind eng miteinander verflochten. Unsere Gefühle beeinflussen, worauf wir achten, welche Erinnerungen zugänglich werden und wie wir eine Situation beurteilen. Umgekehrt verändern Gedanken, Bewertungen und Erwartungen unser emotionales Erleben. Auch der Körper ist daran beteiligt: Über Atmung, Muskelspannung, Herzschlag und andere innere Signale liefert er fortwährend Informationen, die in unsere Wahrnehmung einfliessen.

Was wir fühlen, ist also nicht einfach das Gegenteil dessen, was wir denken. Beides entsteht in einem lebendigen Wechselverhältnis.

Und dennoch kennen wir jene Momente, in denen wir etwas deutlich spüren, ohne es bereits erklären zu können.

Was geschieht in diesem scheinbaren Dazwischen?

Vielleicht beginnt hier eine der interessantesten Möglichkeiten menschlicher Bewusstwerdung: wenn wir unsere erste Reaktion wahrnehmen, ohne sie unmittelbar zum Urteil werden zu lassen.

Ein Gefühl ist zunächst eine Erfahrung, noch keine endgültige Aussage über die Wirklichkeit. Es kann uns auf etwas aufmerksam machen, ohne dass wir seiner ersten Deutung folgen müssen.

Diesen Unterschied halte ich für wesentlich. Nicht, weil wir Gefühle kontrollieren oder überwinden sollten, sondern weil wir durch bewusste Wahrnehmung eine zusätzliche Möglichkeit gewinnen: Wir können untersuchen, was uns bewegt, bevor wir entscheiden, wie wir darauf antworten.


Der innere Raum – zwischen Reaktion und Antwort

Ein Raum entsteht nicht allein durch seine Begrenzungen. Er entsteht auch durch das, was zwischen ihnen offenbleibt.

In meiner Malerei beschäftige ich mich immer wieder mit solchen Zwischenräumen. Mit Flächen, die nicht vollständig besetzt sind, mit sichtbaren Nähten, die unterschiedliche Bereiche miteinander verbinden, ohne ihre Eigenständigkeit aufzuheben, und mit Strukturen, die eine Ordnung andeuten, ohne sie festzuschreiben.

Darin erkenne ich eine Parallele zu unserem inneren Erleben.

Auch in uns kann Raum entstehen, wenn wir nicht jeden Eindruck sofort einordnen, nicht jede Irritation beseitigen und nicht jede Unsicherheit mit einer Erklärung beantworten müssen.

Das bedeutet keineswegs, dass wir uns jederzeit bewusst entscheiden könnten, wie wir reagieren. Viele unserer emotionalen Reaktionen sind tief eingeübt, körperlich verankert und von Erfahrungen geprägt, die weit zurückreichen.

Aber Wahrnehmung kann sich verändern. Was zunächst nur als Unruhe, Widerstand oder Vertrautheit erscheint, kann mit der Zeit differenzierter erfahrbar werden.

Und mit dieser Differenzierung verändert sich möglicherweise auch unser Handlungsspielraum.

Nicht das Gefühl muss verschwinden. Vielleicht genügt es zunächst, dass wir ihm begegnen können, ohne vollständig mit ihm identisch zu werden.


Kunst als Erfahrungsraum

Ein Kunstwerk existiert nie unabhängig von seiner Umgebung. Licht, Abstand, Architektur, Geräusche und die Anwesenheit anderer Menschen beeinflussen, wie wir es erleben.

Doch der Raum, der mich künstlerisch interessiert, reicht über diese äusseren Bedingungen hinaus.

Es ist jener innere Erfahrungsraum, der sich in der Begegnung mit einem Werk öffnen kann. Ein Raum, in dem Widersprüche bestehen bleiben dürfen, in dem Vertrautes fremd und Fremdes vertraut werden kann, ohne dass wir sofort nach einer eindeutigen Bedeutung suchen.

Kunst muss dafür weder beruhigen noch provozieren. Sie kann beides, manchmal sogar gleichzeitig. Sie kann Erinnerungen berühren, Fragen aufwerfen oder einfach unsere Aufmerksamkeit für einen Augenblick anders ausrichten.

Ich möchte meinen Arbeiten keine bestimmte Wirkung vorschreiben. Was ein Mensch vor einem Werk erlebt, gehört ebenso zu seiner eigenen Geschichte wie zu den Eigenschaften des Werkes.

Vielleicht ist es gerade diese Offenheit, die Kunst von vielen anderen Bereichen unseres Alltags unterscheidet. Wir sind gewohnt, nach Lösungen, Ergebnissen und Erklärungen zu suchen. Ein Kunstwerk darf dagegen eine Frage bestehen lassen.

Und möglicherweise verändert sich unser Blick gerade dort, wo wir aufhören, nach einer schnellen Antwort zu verlangen.


Was wir mitbringen – und was wir weitertragen

Unsere Wahrnehmung entsteht nicht losgelöst von den Beziehungen, in denen wir leben und aufgewachsen sind.

Familiengeschichten, wiederkehrende Verhaltensweisen, unausgesprochene Erwartungen und Erfahrungen von Zugehörigkeit oder Abgrenzung können beeinflussen, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen. Manches davon ist uns bewusst. Anderes wirkt weiter, ohne dass wir seine Herkunft unmittelbar erkennen.

In meinem künstlerischen Themenfeld Art as Legacy beschäftige ich mich mit diesen Zusammenhängen: mit dem, was zwischen Generationen weitergegeben wird, mit den Möglichkeiten bewusster Auseinandersetzung und mit der Frage, wie aus einer übernommenen Geschichte etwas Eigenes entstehen kann.

Auch hier interessiert mich der Zwischenraum.

Zwischen dem, was uns geprägt hat, und dem, was wir daraus gestalten. Zwischen Zugehörigkeit und Eigenständigkeit. Zwischen dem Bedürfnis, eine Verbindung zu bewahren, und der Notwendigkeit, eigene Grenzen zu erkennen.

Bewusstwerdung bedeutet dabei nicht, die Vergangenheit auszulöschen. Vielleicht geht es vielmehr darum, unterscheiden zu lernen: Was gehört zu mir? Was habe ich übernommen? Was möchte ich bewahren, verändern oder nicht länger weitertragen?

Eine sichtbare Naht im Leinen kann für mich zu einer künstlerischen Untersuchung solcher Fragen werden. Sie hält zusammen, was getrennt ist, ohne den Unterschied unsichtbar zu machen.


Die Möglichkeit, anders zu sehen

Wenn ich über Kunst, Wahrnehmung und Emotionen nachdenke, kehre ich immer wieder zu einer Beobachtung zurück: Wir erleben die Welt nicht nur durch das, was uns begegnet, sondern auch durch die Art, wie wir darauf antworten.

Unsere Erfahrungen formen unseren Blick. Und unser Blick beeinflusst, welche Erfahrungen wir machen.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Wirklichkeit beliebig verändern könnten. Aber es bedeutet, dass unsere erste Wahrnehmung nicht zwangsläufig die einzige bleiben muss.

Vielleicht ist dies eine der stillen Möglichkeiten, die uns Kunst eröffnet. Nicht, weil sie uns sagt, was wir denken oder fühlen sollen, sondern weil sie uns für einen Augenblick aus unseren gewohnten Deutungen herausführen kann.

Wir betrachten ein Werk. Etwas spricht uns an, irritiert uns oder bleibt zunächst fremd. Wir verweilen, verändern unseren Standort, sehen noch einmal hin. Das Werk ist vielleicht dasselbe geblieben. Aber sehen wir noch dasselbe?


Dieser Essay ist Teil des Denkraums von Andrea Donner. Hier untersuche ich die Beziehungen zwischen Kunst, Wahrnehmung, Emotionen und menschlicher Erfahrung – und die Frage, wie aus dem Bewusstwerden neuer Raum für Veränderung entstehen kann.

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